Woran denken wir, wenn wir ein Referat mit dem Thema „Neues aus der Steinzeit“ besuchen? Mit dieser Frage eröffnete Jana Esther Fries vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege den ersten Vortrag im Jahre 2017 für die Mitglieder und Gäste des Vareler Heimatvereins – und sie vermutete: Wir denken an Nachrichten über Menschen, die in Höhlen hausen, die Mammuts und Rentiere jagen, sich mit Fellen kleiden und eine kurze Lebenserwartung haben. Zwar werden mit solchen Bildern auch richtige Aspekte erfasst, doch leiden sie an unzureichender Differenzierung: Die Klimaschwankungen auf der Erde und mit ihnen die der Lebensbedingungen waren gewaltig und deshalb sind Aussagen über „die“ Steinzeit nur sinnvoll, wenn wir sie räumlich und zeitlich eingrenzen. Allein die zeitliche Dimension sprengt unsere Vorstellungkraft: Wie oft können wir die gut zweitausend Jahre unserer religiös motivierten Zeitrechnung in den über 2,6 Millionen Jahren unterbringen, seit die ersten Menschen, die Werkzeuge aus Stein verwendeten, in Afrika auftauchten? Mit ihnen begann die „Altsteinzeit“, das Altpaläolithikum, ein Abschnitt der bis zum Ende der Eiszeit vor rund 11600 Jahren dauerte. Die Archäologen entwickelten deshalb zunehmend feinere Unterscheidungen innerhalb dieser langen Phase, um ihre Entdeckungen besser einordnen zu können. Und so grenzte Frau Fries ihren Vortrag schon im Titel zunächst räumlich weiter ein: „Aktuelle Funde von Jägern und Sammlern aus dem Raum Weser-Ems“.

Sie berichtete über drei Fundstätten. Bei der ersten ging es um Entdeckungen niederländischer Hobby-Archäologen, die diese 2013 in Sandgruben in der Grafschaft Bentheim machten. Es handelt sich vor allem um „nach der Technik des präparierten Kerns“ zurecht gehauene Schaber aus Feuerstein, zwischen 30000 und 45000 Jahre alt, dazu Knochen vom Mammut, von Wildpferden und dem Polarfuchs. Die Funde beweisen, dass hier Neandertaler auf den Hügeln zwischen den Flüssen Dinkel und Vechte die Tiere beobachtet und gejagt haben.

Feuersteine wurden offenbar systematisch gesucht und an bestimmten Orten von Fachleuten bearbeitet. Das zeigt ein Fundort bei Damme, Mitte der 1990er Jahre erstmals entdeckt und 2012 noch einmal systematisch erschlossen. Über dreihundert Artefakte aus Feuerstein beweisen, dass sich hier kurz vor dem Ende der Altsteinzeit wohl eine Art Werkstatt befunden hat, in der die Steine für ihren zweckmäßigen Gebrauch zugeschlagen wurden. Auffällig ist, dass unter den Beilen, Dolchen oder Pfeilspitzen sich solche aus dem roten, nur auf Helgoland vorkommenden Feuerstein befanden. Wir müssen uns allerdings vergegenwärtigen, dass Helgoland wie „England“ zu dieser Zeit Teil des Festlandes war und der dramatische Anstieg des Meeresspiegels noch bevorstand.

Die letzte Fundstätte, über die Frau Fries berichtete, ist noch ein wenig jünger. Dieses Mal ging es um eine ehemalige Sanddüne in Oldenburg-Eversten, einen Acker, der zum Baugebiet werden sollte. Die Archäologen hielten die Lage nahe der Haaren-Niederung für steinzeitliche Jäger und Sammler für „verdächtig“ günstig und bekamen 2008/2009 die Chance, das Gelände systematisch zu erschließen. Tatsächlich fanden sie rund 400 Herdgruben mit Durch-messern von 40 – 80 cm, ursprünglich wohl ungefähr eine Armlänge tief. Sie waren an der dunklen Einfärbung des Bodens, eine Folge des Verbrennens von Holzkohle, erkennbar. In den Gruben fanden sich auch Splitter von Feuer-steinen, Kochsteine und Pflanzenreste, einige davon rund 7500 Jahr alt. Die Funktion der Herdgruben ist unklar: Dienten sie zum Trocknen, Rösten oder Räuchern? Oder der Herstellung von Birkenpech, dem damaligen Alleskleber? Der Platz und die Funktion der Herdgruben musste für die Jäger und Sammler jedenfalls attraktiv gewesen sein, denn sie wurden vermutlich über 2000 Jahre hinweg genutzt.

Trotz aller Erkenntnisse der Archäologen bleiben viele Fragen aus der Vorge-schichte der Menschen offen, wie nach dem Vortrag eine kleine, angeregte Aussprache zeigte. Es ging nicht nur um die besonderen Eigenschaften des Feuersteins, die ihn über so lange Zeit zum wichtigsten Werkstoff der Menschen machten, sondern auch um die Frage, wie und wo er entstand. Welche Rolle spielte der Homosapiens beim Ver-schwinden der Neandertaler? Verwandelten sich die steinzeitlichen Jäger und Sammler zu Bauern oder wurden sie von Einwanderern aus dem Nahen Osten verdrängt? Frau Fries versäumte es nicht, mehrfach auf die Bedeutung der Entdeckungen von Hobby-Archäologen für die professionelle Forschung zu verweisen. Es lohnt sich also, bei Spaziergängen die Augen offen zu halten – oder für den einen oder anderen vielleicht sogar, sie mit einer neuen Zielsetzung auszurichten?

Rainer Urban