Svea Mahlstedt über „Steinzeitliche Siedlungsplätze am Zwischenahner Meer“

Die Zahl der Menschen, die glauben, die Erde sei eine Scheibe, soll ja wieder zunehmen. Und es soll auch immer noch Menschen geben, die glauben, die biblische Schöpfungsgeschichte beschreibe die Fakten. In der längsten Zeit unserer Geschichte hatten wir allerdings auch nicht die Möglichkeit, uns anders als durch mythische Erzählungen ein Bild von unserer Herkunft zu machen. Doch mit den Ergebnissen und Erfolgen der modernen Wissenschaften, zunächst der Astronomie und der Physik, später der Chemie und Biologie bekamen die Archäologen Instrumente in die Hand, die es ihnen erlauben, ihre Funde immer genauer zu datieren und zu ordnen. Die Wissenschaftler können damit ein Bild von der kulturellen Evolution der Menschen entwerfen, das häufig genug unseren intuitiven Anschauungen und Bedürfnissen widerspricht.

Für unsere Region im Nordwesten klaffen, so Svea Mahlstedt vom Niedersächsischen Institut für historische Küstenforschung (NIhK) in einer Vortragsveranstaltung des Heimatvereins Varel, für die Zeit des Übergangs von den Jägern und Sammlern zu den Bauern der Jungsteinzeit, also die Zeit vor etwa 4000-6000 Jahren, noch Lücken. Wir wissen, dass der Übergang zur Landwirtschaft vor rund 10000 Jahren im Bereich des „Fruchtbaren Halbmondes“ – dort, wo heute wie etwa im Irak oder in Syrien ein Kriegsgeschehen das nächste jagt – begann und sich von da sukzessive nach Norden ausbreitete. Und wir wissen, dass die Menschen sich hier im Norden zunächst gerne am den Ufern von Gewässern niederließen.

Das Zwischenahner Meer ist vor ungefähr 12000 Jahren entstanden, als dort ein Salzstock einbrach und sich in der neu entstandenen Vertiefung das Wasser sammelte. Der Wasserspiegel sank und stieg im Laufe der Jahrtausende – und mit ihm veränderte sich die Ausdehnung und die Uferlinie des Sees. Menschliche Artefakte wie Werkzeuge aus Stein und Geweihen lassen sich deshalb an Land wie im Wasser finden.

In den 1950ern holten Schülergemeinsam mit dem Archäologen Dieter Zoller Funde, wie z.B. einen Keramiktopf und Hirschgeweihhacken am Badestrand aus dem See. Das motivierte 2014 Frau Mahlstedt und ihre Kollegen, noch einmal genauer nachzuschauen, ob sich nicht noch mehr finden ließe. Vielleicht gab es hier sogar einmal Pfahlbauten?

Die Suche gestaltete sich aufwendig, denn der Boden des Zwischenahner Meeres ist durch eine meterdicke Schicht bedeckt, die sich im Laufe der Jahrtausende aus abgestorbenen Algen und Kleinstlebewesen gebildet hat. Frau Mahlstedt zeigte in einen kleinen Film, wie der Seeboden aufgewirbelt einen undurchsichtigen Schleier erzeugt. Für die archäologischen Arbeiten unter Wasser wurde deshalb ein Senkkasten aus Metall hergestellt, der Boden darin angesaugt und gesiebt. So fanden die Archäologen Schalen von Wasser-nüssen und Teile von Schildkrötenpanzern, also möglicherweise Reste menschlicher Mahlzeiten, dazu den Rest einer Geweihaxt, eine Knochen-spitze. Von Pfahlbauten keine Spur!

Die Suche wurde an Land fortgesetzt. Am Auebach entdeckte man Feuersteinwerkzeuge, und im Gebiet der Kurklinik unter einer dicken Schicht Eschboden über 300 – an ihrer Verfärbung erkennbare – steinzeitliche Gruben. Es ist unklar, welchem Zweck sie einmal dienten. Systematische wissenschaftliche Arbeit ist manchmal ein mühsames Geschäft. Es gibt keine Garantie, dass das erzielte Ergebnis dem Aufwand entspricht. Nicht nur für Bauern, auch für Archäologen gilt: „Mit Mühsal sollst du dich vom Acker nähren dein Leben lang.“

Das Publikum war dennoch zufrieden und dankte Frau Mahlstedt für ihren Vortrag mit freundlichem Applaus.

Rainer Urban