Endlos schien danach die Not

Folgen der Weihnachtsflut 1717

Der 300. Jahrestag der Weihnachtsflut 1717 liegt jetzt ja schon ein gutes Jahr zurück, aber Referent Arno Randig aus Wilhelmshaven wollte in seinem Vortrag für den Vareler Heimatverein auch nicht über das die ganze Nordeeeküste verheerende Ereignis, sondern über dessen spezifischen Voraussetzungen und Folgen in der „Herrlichkeit Kniphausen“ und für das Haus Aldenburg berichten.

Wir erinnern uns: Das „Haus Aldenburg“ verdankt seine Existenz dem Umstand, dass der Oldenburger Graf Anton Günther zwar mit Elisabeth von Ungnad schon einen unehelichen Sohn Anton hatte, lieber aber die Prinzessin Katharina Sophie von Holstein-Sonderburg heiraten und mit ihr einen standesgemäßen Nachfolger zeugen wollte. Erst als diese Ehe kinderlos blieb, war Anton Günther bestrebt, mit großem rechtlichen und finanziellen Aufwand Anton zu „rehabilitieren“, d.h. mit Titeln, eben dem „Reichsgraf von Aldenburg“, und einem Erbe, zu dem u.a. Varel und die reichsunmittelbare Herrschaft Kniphausen gehörten, zu versehen [Einzelheiten in F.B. Brand, Die Affäre Ungnad, Oldenburg 2004]. Das Herzogtum Oldenburg hingegen fiel nach Anton Günthers Tod 1667 an den dänischen König, der den Aldenburgern, so gut er konnte, das Leben schwer machte und mit dem Bau der „Christiansburg“ am Vareler Hafen seine Macht demonstrieren wollte. Das waren für ein Territorium, dessen Existenz weiträumig durch Deiche gesichert werden musste, keine guten Voraussetzungen.

Anton I. von Aldenburg hatte mit seiner ersten Frau fünf Töchter, aber keinen männlichen Erben. Nach ihrem Tod heiratete er die Hugenottenprinzessin Charlotte Amélie de la Trémouille, verstarb aber plötzlich Ende 1680 ein halbes Jahr nach der Hochzeit. Sofort erschien der dänische Statthalter Gyldenlöve und ließ aus dem Vareler Schloss ausräumen, was ihm von Wert erschien. Charlotte Amélie musste mit ihrem kurz darauf geborenen Sohn Anton II. flüchten. Von jetzt an waren finanzielle Sorgen die ständigen Begleiter der Aldenburger.

1706 trat Anton II. 1706 seine „Herrschaft“ über die ausgeplünderten Ländereien in Varel und Kniphausen an und widmete sich, so gut es eben ging, ihrer Verwaltung und Wiederherstellung. Nach einer Reihe von Totgeburten wurde ihm von seiner Frau, der Prinzessin Wilhelmine Marie, Landgräfin von Hessen-Homburg, 1715 seine Tochter Charlotte Sophie geboren. Im gleichen Jahr raffte eine Rinderseuche etwa ein Viertel des Bestandes hinweg. Ein Jahr später wurde unsere Region zunächst Opfer einer Raupen-, danach einer Mäuseplage. Die Schulden nahmen zu, Geld für die ohnehin schon vernachlässigten Deiche und Entwässerungsanlagen gab es nicht.

Und dann kam die Weihnachtsflut 1717! Die Marschgebiete in und um Kniphausen traf es schlimmer als Varel, dessen Zentrum ja auf der Geest liegt. 389 von etwa 2250 Einwohnern in Knip-hausen starben in den Fluten, in Varel waren es 11. In Sengwarden, dem nördlichen Teil Kniphausens, ertranken 36 von etwa 500 Pferden, 30 Prozent der Rinder, 60 Prozent der Schafe. Viel schlimmer aber noch waren die mittelbaren Folgen: Es war kalt, der nasse Torf zum Heizen nicht mehr verwendbar, Menschen und Tiere litten Hunger und Durst. Weitere Sturmfluten im Februar vernichteten mit ihren Eis-schollen erste dürftige Reparaturen; die mit Salzwasser überfluteten Marschen waren zunächst für eine landwirtschaftliche Nutzung weit-gehend unbrauchbar.

Wer all das überlebte und sich nicht zur illegitimen Landflucht – aber wohin? – entschloss, musste sich an der Wiederherstellung der 2,50m bis 3,50m hohen Deiche beteiligen. Gelegentlich bot es sich an, sie zu begradigen und ins Vorland vorzuziehen wie etwa beim „Schönengroden“ im heutigen Voslapp. Die Arbeitskräfte vor Ort reichten dafür nicht aus; 1718 wurden sogar in Hitzacker an der Elbe von dem dortigen Oberdeichgrafen Blasius von Haerlem „tüchtige Kerle“ angeworben. Ihre Löhne wurden durch Kontributionen aufgebracht, die alle Landbesitzer an den „Hochgräflich Aldenburgische(n) Bestalte(n) Drost von Welzien“ in „Kniephausen“ zu zahlen hatten. Insgesamt waren zusätzliche 26000 Reichstaler aufzubringen, was zwei Jahreseinnahmen an Steuern in Kniphausen entsprach. Wie bescheiden sind doch im Vergleich unsere Beiträge an den Oldenburgischen Deichband!

So ist es nicht verwunderlich, dass es unzählige Bittbriefe an die aldenburgische Herrschaft gab, in denen um Stundung der Schulden gebeten wurde. Die Not begünstigte Raub und Plünderungen. Der Preis der Ländereien verfiel; gute Geschäfte machten nach Randig hingegen die Abdecker, die das Fell des toten Viehs verwerten – eben „abdecken“ – konnten, die Scharfrichter, aber auch Advokaten, Gerichte und die Bauern, die noch Vermögen besaßen und günstig ihre Ländereien vergößern konnten.

Anton II. gehörte nicht dazu. Er deutete als strenger Calvinist die katastrophalen Ereignisse unter Berufung auf alttestamentarische Propheten als Strafe des „großen und schrecklichen Gottes“. Von seinen Pfarrern ließ er von der Kanzel predigen: „Wir haben gesündigt, Unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden, wir sind von deinen Geboten und Rechten gewichen“ usw. Ob alle seine deprimierten und lethargischen Untertanen diese Deutung teilten? Spätestens mit dem Erdbeben von Lissabon 1755 stritten Aufklärer wie Voltaire, Rousseau und Kant über völlig anderes Verständnis der Ursachen von Naturkatastrophen.

Anton II. verkaufte, was es noch an Wertgegenständen in Varel gab, um möglichst schnell die Deiche zu reparieren. Die Herrschaften in Dänemark und Anhalt-Zerbst hatten es aber damit nicht so eilig. So stiegen seine Schulden und Verbindlichkeiten. Als er 1733 seine Tochter Charlotte Sophie zur Vermählung mit Willem Graf Bentinck überredete, geschah das in der Hoffnung, durch eine gute Partie wenigstens einen Teil der Folgen der Weihnachtsflut von 1717 endgültig zu überwinden. Wir wissen, dass sich beide Familien Illusionen über die Vermögen der anderen Seite machten und die Ehe kein gutes Ende nahm. Aber das ist dann schon wieder eine neue Geschichte.

Referent Anrno Randig wurde mit herzlichem Applaus verabschiedet.

Rainer Urban