Professor Wilhelm Janssen referiert über historistische Architektur in Varel

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, und das gilt für Musik, Literatur oder die Kunst genauso wie für die Architektur. Spätestens seit dem Ende des I. Weltkriegs bis in die 1970er Jahre wurde die „historistische“ Architektur des 19. Jahrhunderts ignoriert oder als bloße und zumeist schlechte Imitation abgewertet. Professor Wilhelm Janßen, der mit seinen Büchern zur „Städtebauliche(n) Entwicklungsgeschichte Varels“ Großartiges geleistet hat, ist noch einmal angetreten, die Gäste des Heimatvereins auf die Schönheit des historistischen Bauens gerade auch in Varel aufmerksam zu machen. Er steht damit freilich nicht alleine da, wird doch der Historismus schon seit einigen Jahrzehnten in der Architekturgeschichte wieder erforscht. 2001 gab das Landesmuseum für Kunst und Kultur-geschichte in Oldenburg einen Begleitband zu einer Ausstellung in Cloppenburg über „Historismus in Nordwest-deutschland“ heraus, der wichtige Aufsätze mit vielen weiterführenden Literaturhinweisen und auch mit Bezügen auf Varel enthält.

Zunächst wies unser Referent darauf hin, dass im Gefolge der vergleichsweise frühen Entwicklung Varels zu einem bedeutenden Industriestandort hier auch „viel Geld verdient wurde“. Erst diese Voraussetzung machte überhaupt die Planung und Realisierung der aufwendigen, teuren Bauten möglich. Freilich erklärt die Tatsache, dass Kaufleute und Unternehmer viel Geld verdienten, noch nicht, warum sie es ausgerechnet in Häuser investierten, die historische Vorbilder mehr oder weniger getreu nachahmten und zum Schmuck des Gebäudes deren Gestaltungsmittel zitierten. Die Gründe dafür sind in der Forschung umstritten: Suchte man in der Herstellung von kulturellen Traditionen einen Ausgleich für die rasanten Veränderungen in der Wirtschaft, der Sozialstruktur, der Politik? Jedenfalls waren im 19. Jahrhundert historische Herleitungen populär und für viele Bürger offenbar sinnstiftend.

Wie in seinem aktuellen und vermutlich letzten Buch „Bauten in Varel in den Jahren 1800 – 1910“ zeigte Professor Janssen zunächst Schmuckformen und Ornamente, etwa bei der Gestaltung der Fenster, der Stützen und Säulen oder der Dächer. Und wie in diesem Buch präsentierte er dann in derselben Reihenfolge (einschließlich der Wiederholungen) die Bilder, die vor allem historistische Bauten in Varel zeigen. Ihre Anordnung erfolgte nicht chronologisch, sondern nach Straßen und Plätzen. Auf diese Weise lässt sich aber kaum nachvollziehen, ob und wie es in der Formensprache historistischen Bauens in Varel – so wie an anderen Orten – eine „Entwicklung“ gegeben hat, etwa vom Klassizismus über die Neugotik zur Neorenaissance. Klar wurde jedenfalls, dass gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Stile immer eklektischer miteinander vermischt wurden. Das könnte auch an der Ausbildung derjenigen gelegen haben, die diese Häuser bauten. Man schätzt, dass nur etwa zehn Prozent der Neubauten um 1900 von Architekten entworfen wurden, der Rest stammte von den Schülern der Baugewerkschulen, so wie das Vareler Technikum eine war. Dort lernten die Schüler die Geschichte der Baustile, zeichneten die Säulenformen und Zierelemente nach und wussten dann auch, wo die industriell vorgefertigten Elemente preiswert einzukaufen waren (vgl. den Aufsatz von Schimek im Band „Historismus in Nordwestdeutschland“). Vor diesem Hintergrund ist verständlich, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts historistische Baustile immer kritischer gesehen wurden und die Forderung aufkam, dass die Form stärker die Funktion widerspiegeln solle. Wer das berücksichtigt, kann – anders als Professor Janssen in seinem Vortrag – in dem sträflich vernachlässigten und deshalb so heruntergekommenen Hansa-Gebäude immer noch ein bedeutendes, den Historismus überwindendes Baudenkmal sehen, das, wenn irgend möglich, erhalten werden sollte.

Im Technikum, 1895 im Stil der Neo-Renaissance fertiggestellt, erwarben die Schüler der
Großherzoglichen Baugewerk- und Maschinenbauschule ihre Kenntnisse in der Geschichte der Baustile

Vielleicht erklärt sich die heutige, überwiegend positive Bewertung der historistischen Architektur daraus, dass es sich zumeist um Häuser handelt, die in ihren Ausmaßen und ihrer Gestaltung auf den Menschen und sein Vorstellungsvermögen bezogen bleiben, während es im II. Weltkrieg Architekten gab, die die Zerstörungen der Städte durch die Bomber begrüßten, weil sie dann Platz für „moderne“ Straßen und Häuser vorfanden. Und oft genug wurde nach dem Krieg noch durch Bagger niedergerissen, was die Bomben nicht „geschafft“ hatten. Vor diesem Hintergrund ist das Werben Professor Janssens für den Erhalt historistischer Gebäude und Ensembles nicht nur in Varel mehr als berechtigt und der Applaus seiner Zuhörer hat ihn darin sicherlich bestärkt.

Rainer Urban