„Ich gönne ihm nicht weitere 10 Jahre seines arbeitsreichen Lebens“ Ruseler gegen Karl May

Dass Ruseler in der öffentlichen Polemik nicht zimperlich war, das haben wir schon bei seinem Kampf gegen die geistliche Schulaufsicht gesehen. Dass er aber einem Schriftstellerkollegen auf dem Weg über einen Zeitungs-artikel in den „Oldenburger Nachrichten für Stadt und Land“ (dem Vorgänger der heutigen NZW) den Tod wünschte, das bedeutete doch eine Eskalation in der Auseinandersetzung: „Ich will keinem Menschen Böses wünschen; aber ich gönne ihm [Karl May; R.U.] nicht weitere10 Jahre seines arbeitsreichen Lebens; denn ich vermute, dass er dann noch 25-30 Romaneschreiben würde, wie in der Zeit von 1890 an.“

Was war geschehen? Ruseler musste 1901 feststellen, dass Karl May „einer der gelesenstendeutschen Schriftsteller“ ist, der „hauptsächlich von unserer Jugend […] geradezu verschlungen“ werde. Er diagnostiziert eine „Karl-May-Seuche“, die die Phantasie „verbildet und verkrüppelt“ und einen „jammervollen litterarischen Geschmack“ erzeuge. Dabei seien Mays Geschichten zwar „frisch und flott“ erzählt, aber „zusammengeraubt aus Coopers Werken“, angefüllt mit einer „Häufung der unglaublichsten Heldenthaten und der blutigsten Greuel“, die Helden seien „Leute von blankgeputztem Herzen“, die „brillant abstechen gegen die Scheusale der Erzählung“. Die Romane glichen sich wie ein „Ei dem anderen, ob’s in Amerika oder der Türkei gelegt wird“, ihnen fehle eine „eindringliche Schilderung von Land und Leuten“. Ruseler möchte, dass das „deutsche Volk“ stattdessen „aus dem tiefen Born unserer Nationalliteratur“ schöpfe, also – wie er in einem weiteren Artikel schreibt – die Bibel, Goethe und Shakespeare (!), Kleist und Hebbel lese.

Gegen Ruselers „über jedes Maß hinaus gehenden […] Angriffe“ auf Karl May wehrte sich unter dem Kürzel „E.Sch.E.“ ein junger Mann, der nach den damaligen Konventionen seinen Namen noch nicht öffentlich drucken lassen durfte. Erich Schiff aus Elsfleth amüsierte sich über die Sprachbilder, die Ruseler verwandte: KarlMay verbreite sich „wie die Quecke im Boden, wie die Wasserpest in Gräben und Flüssen.“ Er wies darauf hin, dass auch Ruseler sein Vorbild Schiller in der „Dingszene in seinen ‚Stedingern’“ nachahmte. Schiff bezweifelte, dass Karl May den literarischen Geschmack der Jugend verderben könne, wenn man berücksichtige, was sie sonst an „elenden Indianer- und Hintertreppenromanen“ läsen. Es entwickelt sich eine Kontroverse, die sich über knapp einen Monat hinzog, und die Erich Schiff zumindest „nach Punkten“ gewann. Es spricht viel dafür, dass Ruselers Motiv für den Angriff auf Karl May nicht so sehr im Schutz der Jugend vor unlauteren Einflüssen im Rahmen der damaligen „Jugendschriftenbewegung“, sondern im Neid auf den Schriftstellerkollegen bestand, mit dem er – bis auf den Erfolg – mehr gemeinsam hatte, als er sich wohl eingestehen wollte. Wer sich genauer informieren will, findet die Artikel der Kontroverse und eine instruktive Einleitung von W. Sämmer und V. Griese im Oldenburger Jahrbuch 2010.

Rainer Urban, Dezember 2015